Leipziger Volkszeitung, 11. 3. 1999Musik mit Pantomime von Jean FrançaixWie zwei Fraktionen sitzen sich Bläser und Streicher im Halbkreis gegenüber. Doch es wird
nicht gestritten. Wann immer eine Melodie beginnt, beschränken sich die anderen
Instrumente auf ein rhythmisches Routieren. Kommen dann weitere Melodien hinzu, so
entstehen tänzerisch bewegte Bilder, die aus melodisch rhythmischen Bausteinen wie ein
Mosaik zusammengesetzt sind. Man sieht förmlich die Figuren wie aus der Commedia dell’Arte
auf der Bühne umherspringen, so plastisch wirken die solistischen Einsätze. Keine Musik schreit so nach visueller Veranschaulichung, wie die von Jean Françaix. Zum
„Divertissement“, einem Stücke aus dem Programm des GewandhausOktetts im Mendelsohn-Saal
mit Musik von Jean Françaix, erscheinen auch zwei Pantomimen. Nicht irgendwelche, sondern
mit Wolfram v. Bodecker und Alexander Neander zwei Mitglieder der „Compagnie Marcel Marceau“. Im Takt der Musik spielen sie Karten. Doch die weißen Papiere bilden auf dem schwarzen
Tisch ein Schachbrett, verlangen so ein anderes Spiel. Und ehe man sich’s versieht, sind
aus den Schachkönigen Handpuppen geworden, die sich fürchterlich streiten. Mit einem neuen
Satz der Musik verwandeln sich beide Mimen in die Puppen, die sie eben noch so souverän
handhabten. Und als sie sich auf ihre ursprünglichen Spiele besinnen, wird aus dem
Schachbrett ein Geist der beide tyrannisiert. Zu „Octuor“, einem Franz Schubert gewidmeten Stück von Françaix, kann der Zuschauer die
Metamorphosen eines Kontrabaßkastens miterleben. Ist er zunächst ein Sarg, der die üppigen
Formen der Geliebten reliefartig verhüllt, so wird aus ihm ein Reisekoffer, eine
Eingangstür, ein Boot, in dem die Kollegen sitzen, wie kurz zuvor in der Badewanne mit
Loriot-Entchen. Auch ein Spinett kann man daraus basteln, auf dem der eine spielt, während
der andere playback mit den Blasinstrumenten singt. Die Plastizität der Pantomime erhöht noch die der Musik von Françaix, der auf einem
Plakat von Peter Schmidt Schönberg mit einer Pfeife, aus der die Noten wie Rauch
aufsteigen, über dem Ganzen thront. Ein Kammerkonzert das neue Maßstäbe für die Zukunft dieser Kunstform setzt. Marcus Erb-Szymanski |